Roman-Leseprobe · Die ersten drei Kapitel
Alle wollen nach Norden
Alles ist inklusive. Sogar die Erinnerung.
Die ersten drei Kapitel des Romans – vollständig und ohne Auflösung: ein Toast, der einen Urlaub zur Flucht macht; eine Frau, die zum ersten Mal seit Jahren gefragt wird, ob sie etwas will; eine Einschiffung, auf der ein Schiff beginnt, eine Familie zu lesen.
Der Familienwitz sitzt – bis ein Satz vom Kopfende des Tisches zu groß für den Raum wird.
Zwei Frauen, eine Frage, ein Umschlag – und ein Schiff, das schon die Tage zählt.
Vier Bordkarten, vier Pässe, ein Armband, das weiß, wo man ist.
Die Leseprobe ist der unveränderte Anfang des Romans: erst Familienkomik, dann die leise Gegenstimme, zuletzt das Schiff, das freundlich zu zählen beginnt.
Der Toast
Martin verkündet eine Reise, die niemand wollte – und probt die Begeisterung mit, die fehlt.
Vor der Reise
Eine alte Freundin stellt Anna die Frage, die ihr lange keiner gestellt hat.
Einschiffung
An Bord wird Service zu Zugriff – und Anna zur „verantwortlichen Kontaktperson“.
Vorspann
Eine Familie macht sich auf den Weg nach Norden, und alles, was freundlich wirkt, hat einen zweiten Boden. Die folgenden drei Kapitel stehen genau so im Buch – der Anfang des Romans, ungekürzt und spoilerfrei bis zu der Stelle, an der Freundlichkeit zu Druck wird.
1
Der Toast
Düsseldorf-Niederkassel · November 2026
Martin hatte den Toast geprobt. Nicht laut, er war kein Verrückter, aber auf dem Weg vom Auto zur Haustür dreimal innerlich, einmal mit Pause an der falschen Stelle, und beim dritten Mal hatte die falsche Stelle sich als die richtige erwiesen, dort zwischen Mülltonne und Fußabtreter.
Jetzt stand er am Kopfende des Esstisches, hielt ein Glas Primitivo aus dem Regal mit den Flaschen, die man nicht einfach so trank, und sagte:
„Es gibt Urlaube. Und es gibt Entscheidungen.“
Er machte die Pause.
Sie geriet länger als geprobt. Für einen Moment sah er an allen vorbei, zum dunklen Küchenfenster, in dem sich der Tisch spiegelte, und sein Daumen fuhr am Stiel auf und ab, schneller, als ein zufriedener Mann den Daumen bewegt.
Len, zwölf, sah auf seinen Teller. „Ist da Zwiebel dran?“
Anna hatte das Wasserglas schon eine Spur gehoben, in der höflichen Bereitschaft eines Menschen, der weiß, dass gleich angestoßen wird, ohne zu wissen, worauf. Marie hob ihres mit, höflich und schon halb woanders. Aber zwischen „es gibt Entscheidungen“ und dem Satz, der hätte kommen sollen, schob sich Lens Frage, und Zwiebel war Zwiebel.
„Da ist Lauch dran“, sagte Anna.
„Das ist das Gleiche.“
„Es ist nicht das Gleiche.“
Der Toast sackte weg. Ein guter Redner, hatte Martin irgendwo gelesen, gehe nicht zurück; ein guter Redner nehme die Störung auf. Also nahm er die Störung auf.
„Genau darum geht es“, sagte er, lauter, mit der Geste eines Mannes, der einen Faden wiederfindet, den er nie verloren zu haben behauptet. „Wir reden über Lauch. Das ist schön, das ist Familie. Aber wann haben wir das letzte Mal etwas gemacht, das größer war als wir?“
„Phantasialand“, sagte Len.
Marie lachte einmal durch die Nase und bereute es sofort. Unter dem Tisch drückte sie Lens Fuß, einmal, jetzt nicht. Len zog den Fuß weg. Für ihn war es ein Tritt.
Martin zeigte mit dem Glas auf die beiden, als hätten seine Kinder gemeinsam das Niveau gehoben.
Was niemand am Tisch wusste: Drei Wochen zuvor, an einem Dienstag, war die Stelle besetzt worden.
Der Dienstag hatte um 8:12 Uhr mit einer Versuchsreihe angefangen, die Martin schön fand: zwanzig Aluminiumplättchen, gereinigt, angeraut, exakt überlappend verklebt. Praktikanten sahen Metall mit etwas Milchigem dazwischen. Martin sah zwanzig Entscheidungen, die unsichtbar bleiben mussten, damit am Ende etwas hielt.
„Der Kleber hält gar nichts“, sagte er, als der jüngste Praktikant nach einer stärkeren Mischung fragte. „Die Oberfläche hält.“ Martin sagte diesen Satz seit Jahren. Die Kollegen benutzten ihn inzwischen auch und hielten ihn vermutlich für Firmenwissen, die letzte Stufe vor Unsichtbarkeit.
An diesem Dienstag hielt die Reihe. Gleichmäßig, ohne Ausreißer. Martin stand vor der sauberen Kurve und freute sich auf die stille Art, die sein Beruf noch in ihm auslöste. Vor Jahren hatte er genau so eine Verbindung gerettet: nicht mit mehr Kleber, sondern mit einem anderen Lappen und sieben Minuten Wartezeit. Sieben Minuten sahen im Plan nach nichts aus und hielten im Winter ganze Gehäuse zusammen. Martin mochte Aufgaben, bei denen die Welt zugab, dass Geduld eine Qualifikation war.
Um 14:37 Uhr stand Dr. Reineke in der Labortür und sagte: „Herr Berthold, haben Sie kurz?“
Martin hatte gerade einen Prüfkörper in der Hand. Er legte ihn zurück, exakt in die Linie, und ging mit. Auf dem Weg in Reinekes Büro sah er Krawietz im Besprechungsraum, zwei Jahre jünger, Hemdsärmel hoch, mit einem Marker an der Glaswand. Krawietz zeichnete einen Kreis um ein Wort und sagte zu drei Leuten: „Lass uns das mal aufmachen.“ Die drei nickten, als hätte er etwas geöffnet. Martin ging vorbei. Dinge machte man nicht auf, wenn man nicht wusste, wie man sie hinterher wieder schloss.
Reineke bot keinen Kaffee an. Das war das erste Zeichen. Das zweite war, dass auf seinem Schreibtisch keine Mappe lag. Schlechte Nachrichten lagen selten auf Papier; Papier konnte man später noch einmal ansehen.
„Wir haben uns entschieden“, sagte Reineke.
Martin nickte, weil ein Satz mit wir immer schon zu spät war.
Bereichsleitung Industrieklebstoffe. Ein Wort, das nach nichts klang und nach allem, je nachdem, wer es sagte. Martin hatte es nicht laut zu Hause gesagt, nur umschrieben: dass sich im Herbst vielleicht etwas bewege, dass Reineke seine Arbeit sehe, dass es jetzt, nach all den Jahren, logisch wäre. Anna hatte genickt und gefragt, ob er die Unterlagen brauche, die er am Küchentisch hatte liegen lassen. Er hatte gesagt, nein, alles im Kopf. Das stimmte. Es war alles im Kopf, nur nicht dort, wo entschieden wurde.
„Wir gehen mit Krawietz“, sagte Reineke.
Martins Blick brauchte einen Ort und landete auf Reinekes Uhr. 14:41 Uhr.
Reineke sagte die Wörter, die zu dieser Sorte Minute gehörten: außerordentlich, verlässlich, Erfahrung, frische Impulse. Bei Erfahrung wusste Martin, dass man ihm nicht nur die Stelle nahm, sondern sich dafür noch bei ihm bedanken würde.
Er stellte eine Frage zur Übergabe. Sie war sachlich, gut platziert, sogar großzügig. Reineke nahm sie dankbar auf. „Genau deshalb bauen wir auf Sie“, sagte er.
Achteinhalb Minuten dauerte das Gespräch. Martin sah beim Hinausgehen wieder auf die Uhr. 14:45 Uhr, fast 14:46. Er ging nicht sofort zurück ins Labor. Er blieb vor dem Besprechungsraum stehen, weil die Tür offen war und Krawietz noch immer an der Glaswand stand. Die Ärmel hatte er noch höher geschoben. „Martin hat da historisch natürlich viel drin. Das holen wir uns sauber.“ Historisch. Als sei Martin ein Archiv mit Beinen.
Krawietz sah ihn und hob den Marker. „Ah, Martin. Super. Wir müssen später mal die 2019er-Spezifikation aufmachen.“
Martin sagte: „Gern.“
Das Wort kam so ordentlich heraus, dass niemand ihm ansah, was daran falsch war.
Um 17:12 Uhr stand er wieder im Labor und prüfte die Reihe zu Ende. Die Werte waren weiterhin gut. Ein jüngerer Kollege sagte, das sehe doch top aus, und Martin sagte, ja, sehr sauber. Er zeigte ihm, wo man an der Bruchfläche sah, dass die Vorbehandlung stimmte. „Hier“, sagte Martin, und fuhr mit der Pinzette über die matte Stelle. „Wenn es so aussieht, dann hat nicht der Kleber aufgegeben. Dann hat die Fläche gehalten, bis sie nicht mehr konnte.“ Der Kollege nickte und machte ein Foto für die Dokumentation.
Im Stau auf der Theodor-Heuss-Brücke beschloss Martin, dass es ihm nichts ausmachte. Er beschloss es so fest, dass der Beschluss beinahe eine Weile trug. Zu Hause erzählte er von der Versuchsreihe und von einem Lieferanten, der wieder einmal die Toleranzgrenzen nicht verstand. Von Reineke erzählte er nichts. Anna stellte die Teller auf den Tisch und fragte nicht, weil sie an diesem Abend nach etwas anderem fragte, einem Elternbrief, Lens Sportsachen, der Rechnung vom Dachdecker. Martin beantwortete alles richtig.
Drei Abende später hatte er neunundvierzig Minuten auf einen Laptop gestarrt, während Anna oben telefonierte. Vorher hatte er das Banking-Fenster geöffnet und wieder weggeklickt, zu schnell, als könne die Zahl unten rechts ihn nur sehen, wenn er lange genug hinsah. Die Kreditkarte stand schon höher, als sie stehen sollte. Sein Rücken tat weh, vom Sitzen oder vom Dienstag, das ließ sich nicht trennen. Er hätte Anna rufen können. Stattdessen öffnete er eine Buchungsseite.
Die Häkchen kamen schnell: AGB, Datenschutz, personalisierte Empfehlungen, Reiseerlebnis verbessern. Martin klickte weiter. Er war in diesen Minuten kein Mann, der gelesen werden wollte; er war ein Mann, der buchen wollte.
Die Filter und Kabinenkategorien beruhigten ihn sofort. Nur bei der Summe hielt er inne. Er legte zwei Finger auf die Stelle zwischen den Augenbrauen, las die Zahl noch einmal und klickte dann, als hätte Zögern sie teurer gemacht. Spitzbergen war das Größte, was die Seite hergab, das Nördlichste, das Teuerste, das am wenigsten nach einem Mann klang, den man übergangen hatte. Über den Kabinenbildern stand in schmalen Großbuchstaben: Klassische Grandezza mit neuer Leichtigkeit. Er nahm den Balkon. Er nahm das mittlere Getränkepaket. Als die Bestätigung kam, richtete er sich im Stuhl auf, einen Zentimeter, vielleicht zwei.
In Hamburg, vierhundert Kilometer nördlich, saß in derselben Nacht eine junge Frau vor zwei Bildschirmen, auf denen sie Gästen, die sie nie treffen würde, gute Wünsche in vier Tonlagen schrieb. Auf dem Telefon daneben erschien eine Nachricht ihres Patenonkels. Schau mal, ob ich alles richtig gemacht habe. Wir kommen auf dein Schiff.
Die Buchung lag als weitergeleitete Bestätigung im Messenger, nicht in einem ihrer Arbeitsfenster. Hannah Friedländer überflog die Route, den Balkon, das mittlere Getränkepaket. Martin hatte genau so gebucht, dass er später sagen konnte, er habe weder gespart noch übertrieben. Den Satz kannte sie von Anzügen, Wein und dem Kühlschrank mit dem Eiswürfelfach, das seit zwölf Jahren klemmte.
Sie tippte: Galatea. Gute Route. Ich seh, was ich machen kann. Sie las den Satz noch einmal, hörte, dass er nach beidem klang, nach Nichte und nach Reederei, und schickte ihn ab, weil er stimmte. In beiden Sprachen.
Es war nichts passiert. Es war nur eine Buchung eingegangen.
„Ich habe etwas gebucht“, sagte er jetzt.
„Im August. Vier Personen.“ Er ließ es wirken, ließ besonders Anna es wirken. „Wir fahren nach Spitzbergen.“
Len suchte im Kopf eine Landkarte und scheiterte oberhalb von Dänemark. Marie tippte im Kopf schon die Nachricht an Lotte, die mit du wirst es nicht glauben anfing. Anna stellte das Glas, das sie für den Toast gehoben hatte, sehr langsam wieder ab. Und Martin hielt die Stille für Wirkung.
„Spitzbergen“, sagte sie.
„Lucenta Galatea.“ Er sprach es aus wie den Namen eines Pferdes, auf das man gesetzt hat. „Cortesia-Klasse. Vierzehn Nächte. Mit Balkon, Anna. Ich habe Balkon genommen.“
„Wo ist Spitzbergen?“, sagte Len.
„Oben“, sagte Marie.
„Wie oben?“
„Ganz oben. Wo nichts mehr ist.“
„Wo Eisbären sind“, sagte Martin, und Len hörte auf, an die Landkarte zu denken, und fing an, an Eisbären zu denken.
„Und Hannah ist auch an Bord“, sagte Martin, und jetzt klang er noch stolzer, als gehörte die Nennung einer fünften Person zur Ausstattung. „Mein Patenkind. Hat’s bei so einer Reederei zu was gebracht.“
„In unserer Kabine?“, fragte Len.
„Nein, natürlich nicht.“ Martin sagte natürlich, obwohl er die Regel nicht kannte. „Die hat da intern irgendwas. Mitarbeiterkontingent. Sie steigt in Hamburg zu.“ Was Hannah dort genau machte, hätte er nicht sagen können; er erzählte trotzdem gern von ihr.
Anna sah ihren Mann an, wie er das Glas hielt, ein bisschen zu fest, und wie er beim Wort Balkon zu ihr geschaut hatte, einen Lidschlag zu schnell. Von Krawietz wusste sie nichts. Sie kannte ihn, wie man ein Wetter kennt, und ein Wetter fragt man nicht, seit wann.
Während Martin Spitzbergen sagte, vierzehn Nächte, Cortesia-Klasse, Balkon, war Anna für einen Moment auf einer flachen Insel im Sturm, in einer gelben Regenjacke vom Discounter und mit Sand in den Schuhen bis nach Hause. Danach dachte sie an Karin, die als Einzige nie fragte, ob etwas ginge, sondern ob Anna es wollte. Beides passte nicht an einen Tisch, an dem ein Mann gerade Spitzbergen verschenkte.
Sie hob das Glas. „Dann stoßen wir an.“
„Auf das neue Kapitel.“
Der Satz von der Mülltonne, und er kam gut. Er hätte stehen bleiben dürfen, wenn nicht Len gefragt hätte, ob es auf dem Schiff Pommes gebe, jeden Tag, und Marie gesagt hätte, sie sei dann sechzehneinhalb und müsse das nicht mit Eisbären verbringen, und Martins Glas eine Sekunde zu lange in der Luft gestanden hätte, bevor jemand mit ihm anstieß.
Sie stießen an. Glas an Glas an Glas an Wasserglas. Es klang dünn.
Später, die Kinder oben, weichte Anna in der Küche die Pfanne ein, in der der Lauch gewesen war. Martin kam herein, um zu helfen, was hieß, dass er sich an die Arbeitsplatte lehnte und etwas über die Mitternachtssonne sagte und über einen Gletscher, dessen Namen er falsch aussprach und gleich darauf richtig, ohne den Fehler zu bemerken. Es sei der perfekte Moment dafür, sagte er, beruflich gerade, jetzt, wo so vieles in Bewegung sei.
Anna dachte an die Praxisvertretung und an die Konten, die Martin für selbstführend hielt. Am Morgen hatte sie dort die Reise gesehen: vierstellig, mit einem Minus davor und auf einer Karte, auf der diese Zahl nicht stehen sollte. Die Buchung sah nicht nach einem Mann aus, bei dem beruflich gerade alles in Bewegung war. Eher nach einem, der etwas sehr Teures festhalten wollte.
Anna schrubbte mit der rechten Hand und erreichte mit der linken den Hahn nicht. Martin drehte ihn auf, ohne den Satz über den Gletscher zu unterbrechen. Er redete weiter über die Mitternachtssonne.
Auf Martins Handy neben der Obstschale leuchtete die Bord-App auf. Compagna: Reisebeginn in 271 Tagen. Buchung vollständig. Darunter standen vier Vornamen, alle richtig geschrieben. Anna las erst die Zahl, dann die Namen. Die Reise hatte noch nicht begonnen. Das Schiff kannte die Besetzung schon.
2
Vor der Reise
Düsseldorf und Hamburg · 9. Juli bis 8. August 2027
Die Praxis für Naturheilkunde lag über einer Sparkassenfiliale. Wenn unten der Geldautomat zählte, kam ein leises, fleißiges Surren durch den Boden, das die Patienten beruhigte, ohne dass jemand wusste, warum. Anna hatte einen Karton mit Kompressen, Handschuhen und einer Blutdruckmanschette gebracht, offiziell eine Sache von zwei Minuten. Für Karin hatte sie dreißig eingeplant.
Im Wartezimmer saßen drei Menschen mit der Geduld von Leuten, die wussten, dass jemand vor ihnen länger brauchte als geplant und dass sie selbst diese Person sein würden, sobald sie an der Reihe waren. An der Anmeldung suchte ein alter Mann in einer Jacke mit zu vielen Taschen nach einer Brille, die er aufhatte. Es roch nach Kaffee, der zu lange auf der Warmhalteplatte gestanden hatte, und darunter, beständiger, nach dem Desinfektionsmittel, das in jeden Kittel zog und das Anna seit der Heilpraktikerschule mit Karin verband wie andere ein Parfüm mit einem Menschen.
„Komm mal mit nach hinten“, sagte Karin, ohne Begrüßung, weil zwischen ihnen seit dreißig Jahren keine nötig war, und zog Anna mit zwei Fingern am Ärmel in die Küche, die zugleich Aktenlager war und Pausenraum und der einzige Ort, an dem niemand etwas von Karin wollte, außer Anna, und Anna wollte nur, dass es Karin gut ging.
An der Wand hing der Dienstplan, voll bis zum Rand, in Karins Handschrift, vier Farben, eine für jede Kraft, und Karin las ihn, wie andere Leute aus dem Fenster sehen, im Vorbeigehen, prüfend, ob die Welt noch dort stand, wo sie sie hingeschrieben hatte. Auf der Anrichte stand eine Tasse mit dem Logo eines alten Naturheilkundeverbands und einem Sprung im Henkel, aus der nur Karin trank, weil nur Karin wusste, wie man sie hielt, damit der Henkel hielt. Sie stellte den Wasserkocher an, obwohl niemand Wasser wollte, weil Karin beim Reden immer etwas tat, und drehte Anna mit dem Rücken zur Glastür, damit von draußen niemand hereinsah.
„Brettschneider geht Ende August“, sagte sie. „Praxis aufgegeben, Familie, irgendwas mit Tessin.“ Sie sagte es ohne Wärme für Brettschneider, mit der sie zwölf Jahre lang eine Praxis geführt und die sie nie gemocht hatte. „Ich brauch keine Angestellte. Ich hab genug Angestellte.“ Sie spülte die gesprungene Tasse aus, die nicht gespült werden musste. „Ich brauch eine zweite Gesellschafterin.“
Sie drehte sich um und drückte Anna einen schlichten weißen Umschlag in die Hand. Darin lag etwas Gefaltetes. Der Umschlag war dünn, und gerade das machte ihn schwer.
„Lies das zu Hause“, sagte Karin. „Nicht hier. Du machst sonst dein Gesicht.“
„Welches Gesicht?“
„Das, das alles in Ordnung bringt. Das kenn ich. Das machst du, seit ich dich kenne, und dann ist hinterher alles in Ordnung außer dir.“
Anna hielt den Umschlag und spürte den Reflex kommen, ehe sie ihn denken konnte, den alten, verlässlichen: etwas Leichtes zu sagen, das die Sache kleiner machte, einen Schritt zurück, eine höfliche Tür für Karin, durch die Karin gehen konnte, ohne sich abgewiesen zu fühlen. Ob Karin sich das gut überlegt habe. Ob es nicht jüngere Kolleginnen gebe, die gerade aus der Ausbildung kämen, hungrig, ohne Anhang. Ob sie denn überhaupt die Richtige sei, nach so vielen Jahren am Rand.
Sie kam bis „Hast du dir das —“, dann hob Karin die Hand, nicht laut, nur bestimmt, mit der Geste, mit der sie im Behandlungszimmer einen Patienten unterbrach, der bei jedem Symptom wieder am Anfang begann.
„Hör auf.“ Karin sah sie an, kurz, mit dem Blick, mit dem sie Anamnesen las, schnell, ohne Höflichkeit, weil Höflichkeit beim Lesen einer Anamnese Menschen umbrachte. „Ich frag dich was, und du suchst schon den höflichen Weg, Nein zu sagen, ohne dass es mir wehtut. Mach das nicht. Sag mir nicht, ob es geht.“ Sie machte eine kleine Pause, in der der Wasserkocher anfing zu rauschen, das einzige Geräusch, das die Lücke füllte. „Sag mir, ob du willst.“
Man fragte Anna oft, ob sie kurz, schnell, eben noch. Ob sie etwas tun könne, bedeutete fast immer, dass sie es tun würde. Ob du willst war eine Frage nach ihr. Sie war so aus der Übung, dass sie schwieg.
In ihrer Manteltasche summte das Telefon. Noch 30 Tage bis zu Ihrer Reise. Bitte prüfen Sie Ihre Zahlungs- und Reisedaten. Das Schiff hatte eine Frist und verlangte keine Antwort. Vor ihr stand Karin, wirklich, im Kittel mit schiefem Namensschild, und wartete auf genau eine.
„Es sind zwei Namen“, sagte Karin, jetzt leiser. „Im Gesellschaftsvertrag. Im Mietvertrag. An der Tür. Nicht Praxis Brettschneider und Kollegin, Naturheilkunde. Deiner. Ausgeschrieben. Von der Straße aus lesbar, für Leute, die hochgucken und nicht wissen, dass es dich gibt.“ Sie stellte die gesprungene Tasse ab, genau, mit dem Henkel zur Wand. „Ich hab überlegt, mit wem. Es war keine lange Liste. Es war gar keine.“
Anna wusste, dass sie es konnte. Im Februar war im Wartezimmer ein Mann zusammengebrochen. Während die Anmeldung die Notfalltasche dort suchte, wo sie hätte sein sollen, kniete Anna schon neben ihm. Sie sprach ihn an, prüfte die Atmung und sagte der jungen Frau am Empfang, sie solle die 112 wählen. Der Mann atmete normal. Anna brachte ihn in die stabile Seitenlage und kontrollierte seine Atmung, bis der Rettungsdienst übernahm. Erst dann trat sie an die Wand und merkte, dass ihre Knie zitterten. Karin hatte alles gesehen.
„Antwort bis Ende August“, sagte Karin. „Die Anwältin will Anfang September den Gesellschaftsvertrag fertig machen, und der Vermieter braucht deinen Namen. Ist kein Druck.“ Sie sagte kein Druck und meinte Druck, und beide wussten es, und es war in Ordnung.
Im Behandlungszimmer klingelte das interne Telefon, das nicht warten konnte. Karin war in einer halben Sekunde wieder im Dienst, die Hand an der Klinke, das Gesicht schon woanders. Im Gehen sagte sie über die Schulter das eine, das Anna mit nach Hause nahm und das anders gemeint war als alles, was eine App ihr an diesem Tag sagen würde: „Lass dir Zeit, Anna. Aber nicht zu viel. Ich kenn dich. Du sagst Ja, wenn’s zu spät ist, um Nein zu sagen. Diesmal sag’s vorher.“
Dann war sie durch die Tür, und Anna stand allein in der Küche mit dem Wasserkocher, der rauschte und sich abschaltete, und mit einem Umschlag, der leicht war und nicht leicht.
Sie ging nicht sofort. Sie spülte Karins gesprungene Tasse, die schon sauber war, noch einmal. Ihre Hände brauchten eine Aufgabe, und die Tasse widersprach nicht.
Unten zählte der Geldautomat. Anna saß eine Minute im Auto, die Hand auf der Brusttasche.
Zu Hause öffnete Anna den Umschlag nach Mitternacht. Karin hatte nichts Persönliches hineingelegt, und das war das Persönlichste daran: vier Seiten aus einer Kanzlei, überschrieben mit Entwurf Eintritts- und Übernahmevereinbarung, und ein gelber Zettel mit einem einzigen Wort in Karins Rezepthandschrift. Endlich.
Der Anteil an der Praxis kostete achtunddreißigtausend Euro. Damit übernahm Anna ihren Teil an Möbeln, Geräten, laufenden Verträgen und dem Wert einer Praxis, in der Patienten seit Jahren nach ihr fragten, obwohl ihr Name nicht an der Tür stand. Karins Steuerberater hatte gerechnet, Karin hatte verhandelt, Brettschneider wollte raus. Anna holte kein Papier. Sie rechnete, wie sie alles rechnete, im Kopf, mit den Händen um eine kalte Teetasse. Ihr eigenes Konto, das seit fünfundzwanzig Jahren niemand fragte, weil niemand wusste, dass es etwas zu fragen gab: einundzwanzigtausend. Vor der Reise hätte der Rest aus der gemeinsamen Rücklage kommen können, ohne sie aufzubrauchen.
Sie öffnete das Banking, das sie führte, weil Martin es für selbstführend hielt. Da stand die Reise, Restzahlung, an diesem Morgen abgebucht: siebentausendvierhundertvierzig Euro, genau dreißig Tage vor der Abfahrt. Zweitausendvierhundertachtzig hatte Martin im November angezahlt. Neuntausendneunhundertzwanzig für vier Menschen, vierzehn Nächte, Balkon und Getränkepaket. Parken, Benzin und alles, was an Bord noch sehr klein aussehen würde, fehlten. Gut zwölftausend am Ende, wenn nichts Besonderes geschah. Für eine Reise, auf der ununterbrochen etwas Besonderes geschehen sollte.
Die Reise machte die Praxis nicht unmöglich. Das wäre einfacher gewesen. Sie machte ein Darlehen nötig und ein Gespräch mit der Familie, bevor Annas Ja überhaupt ihres werden konnte.
Auf dem Telefon leuchtete es freundlich. Familie Berthold, Ihr Bordguthaben wartet: Jetzt aufladen und fünf Prozent Vorteil sichern. Anna legte das Telefon mit dem Gesicht nach unten, was gegen das Leuchten half und gegen sonst nichts.
Sie fing eine Liste an, die keine Einkaufsliste war: Vertretung donnerstags, Lens Training, Maries Turniere, wer kocht, wenn zwei Namen an einer Tür stehen. Nach vier Zeilen hörte sie auf. Jede Zeile war eine Person, die man fragen musste, und die erste davon saß gerade am Küchentisch.
Von oben kam Martins Stimme, schlafwarm: „Kommst du?“
„Gleich“, sagte Anna. Das Wort ging von allein.
Sie faltete den Entwurf an seiner alten Falz, legte den gelben Zettel obenauf und schob beides zurück in den Umschlag. Achtunddreißig minus einundzwanzig. Die Differenz hatte bis zu diesem Morgen keinen Ort gehabt. Jetzt lag Spitzbergen darin.
Am selben Vormittag sah der Glasraum, in dem Hannah arbeitete, auf einen anderen Glasraum. Wohin man blickte, blickte jemand zurück, und alle nannten es Offenheit. Lucenta Cruises saß im sechsten Stock über dem Hamburger Hafen, und wenn unten ein Schiff auslief, drehten sich für eine Minute die Stühle. Ein ganzes Großraumbüro sah einem Glück zu, das es selbst gebaut hatte und an dem keiner von ihnen je teilnahm.
Hannahs Arbeit hatte keinen Namen, den man auf einer Familienfeier erklären konnte. Sie schrieb die Sätze, mit denen ein Schiff behauptete, etwas bemerkt zu haben: ob jemand einen ruhigeren Tisch wollte, eine Erinnerung brauchte oder sich etwas gönnen sollte, auf das er von allein nicht gekommen war. Ein Satz konnte Fürsorge sein oder Verkauf. Hannahs Arbeit begann dort, wo beides dieselben Wörter benutzte.
Lina hatte sie für elf Uhr hereingebeten, und bei Lina war eine Einladung kein Termin, sondern eine Auszeichnung; sie lud nur die, an denen sie etwas vorhatte. Auf dem Tisch lag kein Papier — Papier konnte man mitnehmen und später anders lesen —, nur der Schirm, der sich nach dem Gespräch von selbst schloss.
Neben dem Schirm stand ein Kaffee, schwarz, kein Zucker, in dem Pappbecher aus der kleinen Rösterei unten am Fleet, nicht aus der Maschine im Büro. Hannah hatte nie gesagt, dass sie den Kaffee von unten mochte. Sie hatte ihn nur dreimal selbst geholt, immer nach Terminen, in denen jemand ihr Arbeit als Chance verkauft hatte. Lina schob den Becher nicht zu ihr. Sie hatte ihn nur dort hingestellt, wo Hannahs rechte Hand ihn finden würde, wenn die erste Zahl auf dem Schirm kam.
„Du musst den nicht trinken“, sagte Lina.
Hannah nahm ihn.
„Ich weiß“, sagte Lina. „Aber du arbeitest besser, wenn du etwas Warmes in der Hand hast und so tun kannst, als wärst du nicht nervös.“
Hannah lachte, weil der Satz zu genau war, um ihm nicht auszuweichen. Lina lächelte nicht über das Lachen. Sie wartete, bis Hannah getrunken hatte, und erst dann drehte sie den Schirm.
„Wir haben ein Deutungsproblem“, sagte Lina. „Das Armband sagt uns, wo die Leute sind, was sie kaufen und wann zwei Menschen aus derselben Kabine einander meiden. Es weiß nur nicht, ob das Schweigen Streit ist oder Erholung.“ Sie sah Hannah an. „Das Warum sitzt am Tisch.“
Auf dem Schirm liefen zwei fast gleiche Wege durch einen Seetag. Dieselben Decks, dieselben Pausen, derselbe ausbleibende Kauf. Der eine Gast hatte später eine Beschwerde geschrieben, der andere fünf Sterne vergeben. „Das Modell sieht keinen Unterschied“, sagte Lina. „Wir auch nicht. Noch nicht.“
„Die Galatea im August“, sagte sie. Bei ihr klang selbst ein Kalendereintrag wie eine Entscheidung, die schon gefallen war. „Zwölf Kabinen, Cortesia, per Zufallsauswahl. Du gehst Wege und Programme mit und hörst zu, wo Service zur Zumutung wird. Nur öffentliche Bereiche, keine Namen im Freitext, keine Gesundheitsdaten, nichts aus Kabinen. Private Kontakte nimmst du raus.“
„Ich fahre mit meiner Familie.“
„Dann nimmst du sie raus.“ Lina sagte es, als gäbe es dafür ein Kästchen. „Die anderen zwölf reichen.“
Sie schob den Kaffee eine Spur näher. „Wir kaufen Daten für Millionen und kommen bis an die Haut und keinen Millimeter weiter. Du kannst Nähe übersetzen, ohne sie zu romantisieren. So jemanden will ich im Team halten.“
Hannah nahm den Auftrag unter drei sachlichen Wendungen an: qualitative Reisebegleitung, aggregierte Muster, Pilot.
Zurück an ihrem Platz schrieb Hannah eine Begrüßung für Paare über sechzig, zweite Ehe, seit dem Frühstück kaum ein Satz. Der erste Entwurf klang zu genau. Sie nahm eine kleine Wärme heraus und setzte eine allgemeinere ein. Das war die Arbeit: so lange von einem Menschen wegzugehen, bis möglichst viele sich gemeint fühlten.
In ihrem Kalender begannen am 9. August zwei Einträge zur selben Minute. Der grüne hieß Galatea / qualitative Reisebegleitung. Der blaue hieß Familie Berthold / Einschiffung. Hannah zog keinen von beiden zur Seite.
Am Abend vor der Abreise meldete die Compagna: Check-in vollständig. Bitte drucken Sie jetzt Ihre Gepäckanhänger aus. Die Tickets konnten auf dem Telefon bleiben. Das Gepäck nicht.
Der Download hatte fünf Seiten: vier Anhänger und eine Anleitung, weil man Papier falten, durch eine Lasche führen und an einer gestrichelten Linie nicht schneiden sollte. Martin legte weißes Papier ein. Der Drucker dachte nach und zeigte MAGENTA LEER.
„Da ist fast nur Schwarz“, sagte Martin.
„Das Logo ist blau“, sagte Marie vom Küchentisch.
„Für Blau braucht der kein Magenta.“ Martin sagte es mit der Zuversicht eines Mannes, der wusste, wie Farben funktionierten, wenn kein Drucker beteiligt war. Er nahm die Patrone heraus, schüttelte sie einmal und setzte sie wieder ein. Der Drucker dachte länger nach und zeigte PATRONE NICHT ERKANNT.
Anna ging in den Hauswirtschaftsschrank und kam mit einer neuen Patrone zurück.
Martin sah auf die Packung. „Seit wann haben wir die?“
„Seit du im März die Steuerunterlagen drucken wolltest.“
„Da hat es doch funktioniert.“
„Ja.“ Anna gab ihm die Patrone.
Nach dem Wechsel zog der Drucker die erste Seite schief ein. Martin öffnete die Klappe, drehte die geriffelte Rolle mit zwei Fingern zurück und zog das Blatt heraus, ohne dass es riss. Anna hielt die Ablage, als der Drucker danach alle fünf Seiten auf einmal ausgab, schneller, als die dünne Plastikstütze sie tragen wollte.
Sie falteten zu viert. Martin las die Anleitung vor, obwohl sie nur eine halbe Seite lang war. Marie knickte genau an der Linie. Len knickte daneben und erklärte, dadurch sei sein Anhänger windschnittiger. Auf seinem Etikett stand: BERTHOLD, LEN · GALATEA · 4421 · HAMBURG.
„Der Koffer wohnt vor mir da“, sagte Len.
„Dann hat er ja eine eigene Anreise“, sagte Marie.
Anna nahm Martin die Plastiklasche aus der Hand und fädelte sie durch den Griff.
Beim letzten Anhänger vibrierte Martins Telefon. Check-in vollständig. Ihre Reisegruppe ist bereit. Er las es laut vor. Gleichzeitig bekam Anna eine zweite Nachricht: Bitte prüfen Sie die Reisedokumente minderjähriger Mitreisender. Sie öffnete Lens Pass, prüfte das Ablaufdatum und ging nach oben, um nachzusehen, ob er beide Schuhe eingepackt hatte.
Am Morgen der Abreise war Anna um vier wach, eine halbe Stunde vor dem Wecker, den sie für die anderen gestellt hatte und der für sie selbst nie nötig war. Sie ging durch das dunkle Haus, ohne Licht zu machen. Ihre Füße kannten den Weg, und Licht hätte jemanden geweckt, der noch eine halbe Stunde hatte.
Was Anna an diesem Morgen tat, stand in keiner Liste, weil die Liste in ihr war: Lens Pass, die Vertretung, Martins Rückentabletten, vier Ladekabel, weil drei bei vier Menschen eine optimistische Zahl waren. Die Bestätigung für den Parkplatz hatte sie auf dem Telefon gespeichert, ausgedruckt und auf Martins Schreibtisch gelegt. Für sich packte sie zuletzt. Das Buch, das sie wahrscheinlich nicht lesen würde, ließ sie in der Tasche. Dann legte sie das Nötigste dazu, als gehörte sie ebenfalls zur Reisegruppe.
Auf der Anrichte arbeitete das Telefon schon. Guten Morgen. Ihre Einschiffung beginnt um 12.30 Uhr. Halten Sie Tickets und Ausweisdokumente bereit. Darunter stand alles, was Anna längst erledigt hatte. Das Schiff hakte hinter ihr her.
Von oben kam Martins Stimme, schwer vom Schlaf: Ob sie an die Parkplatzbestätigung gedacht habe. „Auf deinem Schreibtisch“, sagte Anna. Kurz darauf rief er: „Hab sie“, in einem Ton, als hätte der Schreibtisch daran gedacht.
In die Seitentasche ihres Koffers legte sie Karins Umschlag, noch vor dem letzten Kulturbeutel. Nicht um auf dem Schiff zu entscheiden. Nur weil man das eine Ding, das nach einem selbst gefragt hatte, nicht in einem leeren Haus zurückließ.
Dann weckte sie die anderen. Len kam mit einem Schuh in die Küche und fragte, ob es in Rettungsbooten WLAN gebe. Marie rief von oben, er solle vor sechs keine Untergangsfragen stellen. Um fünf Uhr sieben saßen vier Menschen, fünf Meinungen und ein Umschlag im Auto.
3
Einschiffung
Hamburg · 8. August 2027
Die Schlange am Check-in war keine Schlange, sondern vier Schlangen, die so taten, als wüssten sie nicht voneinander, und Martin hatte sich für die entschieden, die am schnellsten aussah. Das war seine Begabung, die schnellste Schlange zu erkennen, und sie hatte ihn noch nie im Stich gelassen, außer jedes Mal.
Anna hielt vier Bordkarten, vier Reisepässe und ein Handy, auf dem eine App ihr sagen wollte, wo sie war. Sie wusste, wo sie war. Sie stand in der Cruise-Terminal-Halle Steinwerder und hielt die Papiere von vier Personen, während Martin einem Mitarbeiter von Lucenta erklärte, dass sie eine Kabine mit Balkon hätten, was der Mitarbeiter auf dem Bildschirm bereits sah.
„Cortesia“, sagte Martin. „Mit Balkon.“
„Sehr schön“, sagte der Mann.
„Wir hatten überlegt, eine Stufe höher zu gehen.“ Das hatten sie nicht überlegt. Anna hatte den Satz zum ersten Mal hinter Hannover gehört, dann im Parkhaus, jetzt zum dritten Mal. „Aber man muss ja nicht übertreiben.“
„Das sehen viele so“, sagte der Mann, und Anna mochte ihn dafür.
Len zog an ihrem Ärmel. „Wo ist mein Pass?“
„Ich habe ihn.“
„Ich will ihn halten.“
„Du hast ihn vorhin gehalten, und dann war er unter dem Auto.“
„Das war ein Versehen vom Pass.“
Marie steckte das Handy weg. „Du kriegst ihn an Bord“, sagte sie zu Len, im Ton für kleine Kinder. Len war zwölf und kein kleines Kind. Er hörte den Unterschied und gab den Pass nicht her, weil er ihn nicht hatte.
Len konnte nicht stehen, wie man in einer Schlange steht. Er verlagerte das Gewicht auf den vorderen Ballen, tippte mit dem linken Fuß einen Rhythmus auf die Bodenmarkierung, die die Schlangen trennen sollte, nahm einen unsichtbaren Ball an und stoppte ihn mit der linken Sohle gegen eine Kante, die nur er sah. Niemand sah hin. Es war nur ein Körper, der seit zwei Stunden nicht gerannt war.
Marie stand daneben, wie Marie stand, ohne Gewicht, und während Len den Ball annahm, den es nicht gab, hatte sie das kleine Heft heraus, das sie überallhin mitnahm und niemandem zeigte.
Aus Maries Heft, 8. August
Vier Schlangen: vier Linien, Abstände. Ein Pfeil von Papa zu der schnellsten. In der steht er nicht.
Während sie wartete, verfolgte sie, wer zu wem hinsah und an wem vorbeisah. Bevor jemand fragte, was sie da male, steckte sie das Heft weg und half weiter, indem sie nichts tat, was wie Hilfe aussah.
Vor ihnen rückte ihre Schlange einen halben Meter, die langsamere daneben zwei. Martins Schultern gingen hoch. Er blieb in seiner Schlange.
In der Nachbarschlange zog ein Vater mit zwei Söhnen an ihnen vorbei. Der Vater trug eine schwarzgelbe Trainingsjacke, makellos weiße Turnschuhe und eine Goldkette, die das Terminallicht zurückwarf, als hätte sie einen eigenen Vertrag. Die Seiten waren auf den Millimeter rasiert, die Bartkante gerader als Martins Reiseplan. Martin hätte ihn später im Auto vermutlich einen Fußball-Assi genannt und dabei verschwiegen, dass der Mann in der Trainingsjacke so aussah, wie Martin selbst darin gern ausgesehen hätte. Anna sah ein zweites Mal hin, kurz genug, dass es keine Handlung wurde. Neben ihm ging ein Junge in Lens Alter mit einem Fußball als Schlüsselanhänger am Rucksack. Der dritte war siebzehn vielleicht, schmal, mit der aufrechten Haltung eines Menschen, der selbst beim Warten wusste, wo seine Füße standen.
„Kowalski, drei Personen“, sagte die Mitarbeiterin am freien Schalter. „Dirk, Nico, Mika.“
„Dortmund“, las sie von der Adresse.
„Wo sonst?“, sagte Dirk.
„Vorgestern gebucht“, sagte Dirk und legte drei Pässe hin. „Wir sind die mit der Planung.“
Nico sah ihn an. „Du hast spontan gesagt.“
„Spontan ist Last minute mit besserem Licht.“
Dirk sah auf das Namensschild der Mitarbeiterin und bedankte sich bei Frau Peters. Mika sah beim Vorbeigehen auf Lens linken Fuß, der noch immer einen Ball stoppte, den es nicht gab. Len hörte für drei Sekunden auf zu tippen.
„Frau Berthold? Ich brauche noch ein Foto. Einfach in die Kamera.“
Anna sah in die Kamera. Man sollte bei solchen Fotos nicht lächeln, ein Lächeln auf Aufforderung sah schlimmer aus als keins, also lächelte sie nicht, und das Bild zeigte später eine freundliche Frau, die an etwas anderes dachte. Sie würde es vierzehn Tage lang vorzeigen, beim Verlassen des Schiffes, beim Betreten, beim Bezahlen von Dingen, die sie schon bezahlt hatte.
„Und für die Kinder.“
Len lächelte sofort, breit, ein Junge, der noch glaubte, ein Foto sei eine gute Nachricht. Marie lächelte auch, genau richtig, nicht zu breit, das Lächeln von jedem Klassenfoto der letzten Jahre.
Zum Schluss bekam jeder ein Armband, weiches Silikon, dunkelblau, mit dem man die Kabine öffnen, bezahlen und gefunden werden konnte. Len fand seins großartig, weil es aussah wie im Freibad. Anna trug von da an etwas, das wusste, wo sie war.
Der Mann am Schalter sagte den Satz dazu so freundlich wie eine Wettervorhersage: Alle Hinweise gingen zunächst an die bei der Buchung hinterlegte Kontaktperson. Das war Anna. Zahlungswarnungen gingen an den Karteninhaber. Das war Martin. Anna sah darin keine Entlastung.
Martin lachte. „Das können Sie ruhig auch mir schicken. Ich hab schließlich gebucht.“
Der Mann am Schalter lächelte. „Das hängt an der Buchung. Ändern können Sie es an Bord jederzeit.“
„Schon gut. Nicht so wichtig.“ Martin sagte es eine Spur zu schnell. Die Hand, mit der er eben noch auf den Bildschirm gezeigt hatte, sank. Anna nahm die Bordkarten vom Tresen.
Anna hielt die Reise, während Martin sie erklärte. Die Pässe waren gültig, die Versicherungskarten eingesteckt, die Bordkarten in der Reihenfolge sortiert, in der man sie brauchen würde.
Martin hielt die Hand hin. „Gib mir zwei Pässe.“
Anna schob alle vier in dieselbe Hülle. „Jetzt ist es sortiert.“
Auf Annas eigenem Pass sah eine freundliche Frau an etwas vorbei.
Das Schiff war größer als ein Schiff. Das war der erste Gedanke, den Anna hatte, als sie aus dem Gang ins Atrium trat, ein Gedanke ohne Inhalt, und trotzdem stimmte er. Acht Decks öffneten sich in einen Lichtschacht aus Glas und etwas, das aussah wie Marmor und sich anfühlte wie eine Entscheidung gegen Marmor. In der Mitte hing eine Skulptur aus blauem Glas, von der eine Plakette behauptete, sie stelle das Nordmeer dar.
Ein junger Mann in Weiß hielt ihr ein Tablett mit Sekt hin. „Willkommen an Bord. Ihr unvergesslicher Moment beginnt jetzt.“
„Danke“, sagte Anna und nahm ein Glas, weil man ein Glas nahm. Sie hielt es, weil sie nicht wusste, wohin damit. Sie würde es elf Minuten halten. Martin hatte schon getrunken und sah sich nach jemandem um, dem er das alles zeigen konnte. Die Leute, denen er es zeigen wollte, standen neben ihm.
„Anna.“ Hannah, in Leinen, eine Stoffmappe unter dem Arm. Anna umarmte sie kurz, mit der einen Sekunde Reserve, die zwischen ihnen immer gewesen war. Martin kam quer durch das Atrium, die Arme schon offen. „Da ist sie ja.“ Er hatte am Tauftag geweint und es bis heute bestritten. Hannah ließ sich eine Sekunde zu lange drücken.
Anna fragte nicht, ob Hannah hier Urlaub machte oder arbeitete. Hannah hatte nie genauer gesagt, wie sie mitfuhr. Zwischen ihr und Anna wurden solche Fragen selten gestellt.
„Schön, dass ihr da seid“, sagte Hannah und sah kurz auf Marie. Anna mochte den Blick sofort nicht.
Marie merkte ihn ebenfalls. Hannah musterte nicht, wie sie aussah, sondern was sie sah. Die beiden sahen einander an wie zwei Leute mit demselben Handwerk in verschiedenem Alter.
„Han“, sagte Len. „Gibt’s hier Pommes?“
„Jeden Tag“, sagte Hannah, ernst, wie man einem Mann eine Sache bestätigt, die zählt. Len nickte. Wenigstens ein Erwachsener verstand die Lage.
Martin hatte unterdessen sein eigenes Anliegen, das er für Konversation hielt. „Sag mal, das Spezialitätenrestaurant, dieses Carbone und —, das soll man ja Wochen vorher buchen. Ich hab’s für Mittwoch versucht, da war alles —“
„Carbone & Brace“, sagte Hannah, ohne nachzudenken, weil sie die neun Restaurantnamen so auswendig kannte wie die vier Lucenta-Markennamen, „ist nie ausgebucht. Die Küche hält pro Abend zwei Tische zurück, für späte Anfragen. Das steht in keiner App. Willst du Mittwoch?“ Sie zog das Telefon heraus, tippte zweimal, und es war erledigt, ehe Martin entschieden hatte, ob er sich freuen sollte. „Zwanzig Uhr. Geht das?“
Martin sagte, das gehe sehr gut, und war für den Rest des Tages ein Mann mit Zugang zu einem Tisch, an den andere nicht herankamen. Hannahs Gefallen war ein Daumendruck gewesen. Martin strahlte sie an. Hannah sperrte den Bildschirm, bevor er sich noch einmal bedanken konnte, und fragte Anna nach der Fahrt.
Die Kabine war kleiner als das Foto.
Das waren Kabinen immer; Fotos logen freundlich und professionell. Trotzdem standen jetzt vier Menschen und vier Koffer in einem Raum, der für weniger von beidem gebaut war. Niemand sagte etwas.
Len sagte es. „Wo schlaf ich?“
„Da.“ Martin deutete auf das Sofa, aus dem sich nachts ein zweites Bett klappen ließ. Len war oben, bevor jemand „Schuhe“ sagte, und maß mit der flachen Hand den Abstand zur Decke. „Voll nah“, sagte er. Für Len war Nähe zur Decke ein Vorzug.
Marie hatte das Bad besetzt, lautlos, mit der Selbstverständlichkeit einer Großmacht. „Hier sind sechs Fläschchen und keins ist Shampoo.“
„Das große ist Shampoo“, rief Anna.
„Auf dem großen steht Hair & Body.“
„Dann ist es beides.“
„Wir sind ja eh nur zum Schlafen hier“, sagte Martin und schob die Balkontür auf. „Aber guck dir das an.“
„Mittschiffs“, sagte er und klopfte an den Türrahmen. „Da schaukelt es am wenigsten. Deshalb hab ich genau diese Kabine genommen.“
„Wir sind vorn“, sagte Marie, den Deckplan der App auf dem Handy. „Ziemlich weit vorn.“
„Gut aufgepasst“, sagte Martin freundlich. Dann räumte er eine Weile Dinge von einer Stelle an eine andere, die nicht besser war, und erklärte nichts mehr, was auffälliger war als jedes Erklären.
„Dafür sehen wir alles zuerst“, sagte Anna.
„Auch die Eisbären?“, fragte Len.
„Auch die Eisbären.“
Danach war die Familie wieder in Ordnung. An der Reling atmete Martin Diesel und Wasser ein. Zwei Sekunden lang stand er nur da. Dann kam der Dienstag. Martin öffnete den Deckplan und begann, die nächsten Tage zu führen: Tischzeiten, Molde, Panorama. Der Dienstag sank wieder.
Anna packte aus. Sie hatte sich vorgenommen, das nicht sofort zu tun, aber ihre Hände stellten schon die Fläschchen aus dem Bad in eine Reihe, der Größe nach. In der Seitentasche des Koffers lag ein Umschlag, den sie nicht auspackte. Sie legte kurz die Hand darauf und schloss die Tasche. Dreißig Tage waren vergangen, seit Karin ihn ihr in die Hand gedrückt hatte, und der August war kein anderes Land mehr; er war dieses Schiff.
„Hörst du das?“, sagte sie.
„Was?“
„Die Lüftung.“
Martin kam herein und hörte, mit dem ganzen Gesicht, ein Mann, der gern gehört hätte, was seine Frau hörte. „Ich höre nichts.“
„Eben.“
„Die App will, dass ich das Getränkepaket bestätige“, sagte er und hielt ihr den Bildschirm hin, ein Sternchen, daneben ein zweites. „Mittleres Paket. Wein bis dreißig die Flasche, Cocktails bis zwölf, Kaffee inklusive, Flaschenwasser extra, außer das stille, das ist drin, das mit Kohlensäure nicht, das ist die Lucenta-Marke, die ist drin, aber nur im Restaurant, nicht an der Bar.“
„Und Leitungswasser?“
Martin sah sie an, als hätte sie nach dem Sinn des Ganzen gefragt. „Leitungswasser ist überall inklusive.“
„Beruhigend.“
Von oben, wo Len auf dem Schlafsofa den Abstand zur Decke maß, kam es dazwischen: „Sind Pommes inklusive?“
„Pommes sind im Buffet. Das Buffet ist inklusive.“
„Und das Eis?“
„Auch.“
„Und das Eis in der Waffel, an der Bar, wo der Mann das mit der Hand macht?“
Martin sah auf den Bildschirm, suchte und fand es nicht. „Das ist wahrscheinlich extra.“
„Also alles inklusive“, sagte Len, „außer das Gute.“ Er sagte es ohne Spott.
„Das ist eigentlich ein gutes Paket.“ Sie hörte das eigentlich und wusste, dass es teurer gewesen war, als er gewollt hatte. „Das ist keine teure Reise, Anna. Das ist eine Erinnerung mit Anzahlung.“
Anna hatte am Morgen das Bordkonto in der App geöffnet, weil sie die Konten führte, hier wie zu Hause. Die Anzahlung stand schon da, und darunter, seit einer halben Stunde, eine neue Zeile, die sie nicht selbst angelegt hatte: Carbone & Brace, Reservierung Mi., 5 Gedecke — vorgemerkt. Vier aus der Buchung, eins für Hannah, die nicht in ihrer Kabine schlief und trotzdem an ihrem Tisch sitzen würde. Hannahs zwei Klicks, schon ein Posten. Ein Tisch, nichts Schlimmes. Nur das erste Reiseerlebnis, das ohne Martin gebucht worden war. Es stand trotzdem unter seinem Namen, und die Zahlen darunter würden nur in eine Richtung gehen.
Sie hätte vieles sagen können. Sie sagte: „Ich geh mit Len was essen, bevor er den Teppich isst.“
Auf dem Weg zur Tür meldete sich Annas Handy viermal. Martin bekam die Spezialitätenrestaurants. Marie bekam die Teens Lounge. Len bekam die Öffnungszeit der Pommes-Station und las sie mit dem Ernst einer Sicherheitsmeldung. Für Anna kam keine Begrüßung. Für sie kam der Familien-Überblick: Sammelzeiten, Tischreservierungen, Wege. Unten stand: Verantwortliche Kontaktperson: Anna Berthold.
Das Buffet hieß Trattoria del Sole und war eine Stadt.
Es war keine Essensausgabe, es war ein Gelände, und auf dem Gelände bewegten sich Menschen mit Tellern, die zu klein für ihre Absichten waren, in Bahnen, die niemand geplant hatte und an die sich alle hielten. Eine Station für Pasta, eine für Asiatisches, eine für etwas namens Live Cooking, was hieß, dass ein Mann hinter Glas Dinge in eine Pfanne warf, während dreißig Leute zusahen, als sei das Essen erst echt, wenn man seiner Entstehung beigewohnt hatte. Eine Theke mit kleinen Kuchen in solcher Zahl, dass das einzelne Stück aufhörte, etwas zu bedeuten. Man nahm sich vier und fühlte sich maßvoll, weil neben den vieren noch vierhundert lagen.
Len hatte einen Plan, immer denselben und deshalb einen guten: Pommes, Schnitzel, Brot, ein Eis, das er jetzt schon einforderte, für später, als Vertrag. Auf einem Schiff, das alle drei Minuten etwas Unvergessliches versprach, aß Len das, was gestern so geschmeckt hatte und morgen wieder so schmecken würde. Anna ging hinter ihm und trug zwei Teller, seinen und ihren, weil das Tragen von Tellern für Len eine Tätigkeit für Leute war, die nichts Besseres vorhatten.
An der Pommes-Station sah Anna, wie der Krieg aussah, wenn er höflich geführt wurde.
Es gab keine Schlange, eine Schlange wäre Ordnung gewesen; es gab nur eine Bewegung, in die man geriet und aus der man mit einem Teller wieder herauskam, der voller war, als man vorgehabt hatte. An der Garnelen-Station lud sich eine Frau in Annas Alter Garnelen auf, viele, mit einer Konzentration, die keine Garnele verdient hatte, und hinter ihr hielt ein Mann einen zweiten Teller bereit, einen Reserveteller, für den Fall, dass die Front einbräche. Am Braten, den ein Koch in Scheiben schnitt, bildete sich ein Halbkreis, der sich nicht Schlange nannte und sich exakt so verhielt, nur enger, und als das Blech mit den letzten warmen Scheiben kam, vollzog der Halbkreis jene leise, würdevolle Verdichtung, die Deutsche beherrschen wie kein anderes Volk: vorwärtskommen, ohne zu drängeln, einander den Vortritt lassen und dabei keinen Zentimeter hergeben.
Dann nahm Anna zwei Scheiben Brot, und weil sie schon mal da war, eine dritte, für Marie, falls Marie käme, und ein Stück Butter, und ein zweites, falls das erste nicht reichte. Sie baute keinen Berg. Sie war nur vernünftig. Das Brot würde sie nach dem ersten Bissen erkennen, industriell, mit dieser weichen Gleichmäßigkeit, die kein Ofen hinbekam, nur eine Maschine, die jeden Tag dasselbe Brot buk, damit es nie schlecht und nie gut war. Sie würde es essen und nichts sagen, weil das Erkennen von Brot zu den vielen Genauigkeiten gehörte, nach denen niemand sie je gefragt hatte.
Marie kam doch, später, mit leerem Teller, und fand auf Annas Tablett die Scheibe Brot und die Butter, die für sie bereitlagen, ehe sie gefragt hatte, ehe sie überhaupt gekommen war. Sie nahm sie und sah ihre Mutter einen Moment zu lang an. Es war nicht der Blick, mit dem Marie Fremde las, die Lücke, der Vorteil; es war ein anderer, für den sie noch kein Wort hatte. Sie sagte danke, knapp, und aß das Brot, das schlecht war — ihre Mutter hatte recht gehabt —, und sagte auch das nicht.
Martin hatte einen Tisch am Fenster, besetzt mit der Jacke über dem einen Stuhl und sich selbst auf dem anderen.
„Ich hab uns einen mit Aussicht gesichert“, sagte er, und in gesichert lag der Stolz eines Jägers, der eine Jacke über einen Stuhl gelegt hatte.
Er hatte von jeder Station etwas, ein bisschen Pasta, ein bisschen Asiatisches, ein Stück Fleisch, ein Schälchen mit etwas Grünem, das er nicht essen, aber begründen würde, und kommentierte. Die Pasta sei al dente, fast zu al dente, aber besser als zu weich. Das Fleisch sei in Ordnung, für ein Buffet, man dürfe an einem Buffet nicht den Maßstab anlegen, den man — hier verlor sich der Satz.
„Martin.“
„Was?“
„Du musst nicht jedes Gericht mündlich abnehmen.“
Er lachte, hielt es für einen Scherz, und sie ließ es einen sein. Am Nebentisch saß ein älteres Paar, das aß und aufs Wasser sah und nicht ein Wort sagte. Wie schön, so ein Schweigen nach so vielen Jahren. Anna sah ein glückliches Paar; sie sah es so deutlich, dass es fast wahr wurde.
Ein Mann mit Tablett blieb am Tisch stehen, ein Gast, kein Personal, Polohemd mit einem Wappen darauf, das er sich selbst verliehen zu haben schien. „Erste Kreuzfahrt?“ Ohne die Antwort abzuwarten: „Merkt man. Tipp: morgens die Liegen am Pool. Nicht nach acht. Nach acht liegen da schon die Handtücher von Leuten, die man nie zu Gesicht bekommt.“ Er nickte ihnen zu und ging zum nächsten Tisch, jemand anderen retten. Zwei Tische weiter saß seine Frau, hatte für beide längst Plätze gesichert, mit Handtüchern, die nicht vom Schiff waren, und sah ihm nach, wie er rettete.
„Wir sind doch nicht so“, sagte Martin, als der Mann weg war.
„Nein.“
„Wir reservieren keine Liegen.“
„Nein.“
Sie meinte es.