Roman-Leseprobe

Alle wollen nach Norden

Alles ist inklusive. Sogar die Erinnerung.

Diese Seite zeigt den Ton des Romans, nicht seine Auflösung: eine Familie, ein Schiff mit zu viel Aufmerksamkeit und drei Ausschnitte, die nacheinander kippen.

01 Der Toast

Der Familienwitz sitzt, bis er plötzlich zu eng wird.

02 Family Connect

Die freundlichste Form von Kontrolle auf hoher See.

03 Die Ansprache

Ein Blick hinter die Oberfläche, ohne den Mechanismus auszuplaudern.

Cover von Alle wollen nach Norden mit einem Kreuzfahrtschiff über einer kleinen Küste
Titelmotiv der Leseprobe

Vorspann

Eine Familie macht sich auf den Weg nach Norden, und alles, was freundlich wirkt, hat einen zweiten Boden. Die Leseprobe zeigt den Roman dort, wo er am stärksten ist: im Ton, im Blick auf Rollen und in dem Moment, in dem Kontrolle noch wie Service aussieht.

Spoilerfreie Inhaltsangabe

Auf einer Reise Richtung Norden geraten Routinen, Rollen und Erzählungen durcheinander. Was als sorgfältig geplante Familienfahrt beginnt, wird zur Prüfung von Loyalität, Selbstbild und Wahrheit - mit Humor, der nicht entlastet, sondern die Schieflage erst richtig sichtbar macht.

Stimme

Die ersten Seiten funktionieren als Stimme und Haltung, nicht als bloße Zusammenfassung.

Spannung

Die Leseprobe kippt Schritt für Schritt von Familienkomik in etwas, das kälter und genauer wird.

Haltung

Sie erklärt den Roman nicht, sondern lässt ihn über drei Ausschnitte arbeiten.

01

Der Toast

Ein geprobter Auftritt, ein Familientisch, ein Satz zu viel - und die Reise zeigt schon in der ersten Szene ihre Rückseite.

"Es war kein Ja. Es war die genaue Abwesenheit eines Neins."

Martin hatte den Toast geprobt. Nicht laut, er war kein Verrückter, aber auf dem Weg vom Auto zur Haustür dreimal innerlich, einmal mit Pause an der falschen Stelle, und beim dritten Mal hatte die falsche Stelle sich als die richtige erwiesen, dort zwischen Mülltonne und Fußabtreter.

Jetzt stand er am Kopfende des Esstisches, hielt ein Glas Primitivo aus dem Regal mit den Flaschen, die man nicht einfach so trank, und sagte: "Es gibt Urlaube. Und es gibt Entscheidungen."

Len, zwölf, sah auf seinen Teller. "Ist da Zwiebel dran?" Martin spürte den Toast wegsacken. Ein guter Redner, hatte er irgendwo gelesen, gehe nicht zurück, ein guter Redner nehme die Störung auf. Also nahm er die Störung auf.

"Genau darum geht es", sagte er, lauter. "Wir reden über Lauch. Das ist schön, das ist Familie. Aber wann haben wir das letzte Mal etwas gemacht, das größer war als wir?"

"Phantasialand", sagte Len.

Drei Wochen zuvor, an einem Dienstag, war die Stelle besetzt worden. Bereichsleitung Industrieklebstoffe. Nicht für Martin. In achteinhalb Minuten hatte er professionell verloren. Drei Abende später hatte er neunundvierzig Minuten auf einen Laptop gestarrt und statt eines Gesprächs eine Reise gebucht.

"Im August. Vier Personen. Wir fahren nach Spitzbergen."

Anna stellte das Glas, das sie für den Toast gehoben hatte, sehr langsam wieder ab. Martin hielt die Stille für Wirkung. Sie hob schließlich das Glas. "Dann stoßen wir an."

02

Family Connect

Was als Service beginnt, fühlt sich plötzlich an wie eine freundliche Form von Kontrolle.

"Die hellere Schaltfläche war heller, damit man wusste, welche gemeint war."

Auf dem Bildschirm stand eine Mitteilung der Compagna, freundlich gesetzt, mit dem kleinen Schiffslogo davor. Marie Berthold (16) ist seit 47 Minuten im Bereich Cortesia Pool 3. Möchten Sie eine sanfte Erinnerung an unser Family-Connect-Programm versenden?

Darunter zwei Schaltflächen, eine helle und eine, die heller war, damit man wusste, welche gemeint war.

"Das Schiff sagt mir, wo Marie ist", sagte Martin, mit dem Staunen eines Mannes, dem ein Werkzeug in die Hand gegeben wurde, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es brauchte.

"Du könntest auch hochgehen und es ihr sagen", sagte Anna. "Das hier ist schneller", sagte er. "Schick nicht", sagte sie.

Er schickte trotzdem. Nicht aus Trotz, sondern weil die hellere Schaltfläche heller war und ein Daumen, der schon dort liegt, drückt.

Am Nachmittag bekam Martin ein Angebot, das er Anna nicht zeigte: Wir bemerken, dass ein Mitglied Ihrer Reisegruppe besonders viel organisiert. Gönnen Sie Ihrer Reisebegleiterin eine Auszeit.

Es war freundlich, es war sogar richtig, und genau das machte es unangenehm: dass ein Schiff in vier Tagen bemerkt hatte, was Martin in fünfundzwanzig Jahren nicht aufgefallen war.

Am Abend schaltete Anna auf ihrem Handy alle Compagna-Mitteilungen ab, mit drei Berührungen. Das Schiff bestätigte die Abschaltung mit einer Mitteilung: Sie erhalten ab jetzt keine Hinweise mehr. Wir sind trotzdem für Sie da.

03

Die Ansprache

Im Café auf Deck sechs kippt eine berufliche Logik in etwas Persönliches, das keiner laut benennt.

"Es war der Moment, in dem Hannah sich hätte herausnehmen können. Zwei Klicks, bitte diese Kohorte nicht. Sie tat es nicht."

Hannah saß im Café auf Deck sechs, dem einzigen Ort an Bord, der morgens aussah wie ein Büro, weil hier die saßen, die auf dem Schiff arbeiteten und nicht auf ihm reisten.

Auf ihrem Bildschirm lag, was Lucenta intern die Zweittag-Lücke nannte: Ein Schiff, das zwei Nächte im selben Hafen lag, verkaufte am zweiten Tag fast nichts, weil die Gäste schon alles gesehen hatten. Hannahs Aufgabe war nicht, den zweiten Tag schöner zu machen. Ihre Aufgabe war, die Lücke zu vermessen.

Sie schloss das Trägerin-Playbook ab und schrieb den Satz, der es trug: Liebe Name, in x Tagen haben Sie für Ihre Familie jeden Tisch, jede Zeit, jeden Weg geplant. Für sich selbst nichts. Das ist uns nicht entgangen.

Lina schrieb begeistert zurück, das sei quartalsreif, man solle sofort auf der Galatea pilotieren. Das ist das Schöne an Familien, schrieb sie. Stabile Rollen. Wer bucht, wer entscheidet, wer organisiert – das verschiebt sich kaum.

Es war der Moment, in dem Hannah sich hätte herausnehmen können. Zwei Klicks, bitte diese Kohorte nicht. Sie tat es nicht.

Eine Zeile auf dem Schirm meldete den nächsten Schritt derselben Logik: Trägerin-Ansprache für verknüpftes Profil terminiert. Hannah sagte sich, es sei nicht ihre Kabine, und drehte den Laptop eine Spur weg vom Fenster, damit der Kai nicht mehr darin vorkam.